Ernst Meister: Gedichte

Textkritische und kommentierte Ausgabe. 5 Bände.
Hrsg. von Axel Gellhaus, Stephanie Jordans, Andreas Lohr
Göttingen: Wallstein 2011.

Redaktion:
Axel Gellhaus, Stephanie Jordans, Andreas Lohr, Dominik Loogen, Eckart Oehlenschläger, Dierk Rodewald, Mareike Schröder

Konzept und Entstehung der Ausgabe

Die textkritische und kommentierte Ernst Meister-Werkausgabe (EMA) in fünf Bänden präsentiert vollständig die zu Lebzeiten veröffentlichte Lyrik Ernst Meisters; sie umfaßt die Publikationen aus den Jahren 1932-1979 und somit den Kernbereich des Werkes. Ausgenommen bleiben vorerst die im Selbstverlag gedruckten und die nachgelassenen Gedichte sowie die Arbeiten in anderen literarischen Gattungen (Prosa, Hörspiele und dramatische Versuche). Diese sollen zu einem späteren Zeitpunkt vorgelegt werden.

Die Existenz der Ausgabe verdankt sich vorrangig dem Engagement der NRW-Stiftung (Nordrhein-Westfalen-Stiftung Naturschutz, Heimat- und Kulturpflege, Düsseldorf), die nicht nur den literarischen Nachlaß erworben, sondern durch Finanzierung von Personal- und Sachmitteln auch dessen wissenschaftliche Erschließung und öffentliche Nutzung ermöglicht hat. In ihrem Auftrag wurde im Jahre 2000 am Aachener Lehrstuhl für Allgemeine Literaturwissenschaft und Neuere deutsche Literaturgeschichte (RWTH Aachen, University) eine Arbeitsstelle eingerichtet, deren Aufgabe es war, den umfangreichen Nachlaß Ernst Meisters zunächst archivarisch zu erschließen (Entzifferung, Ordnung, Siglierung) und dann sukzessive eine Edition vorzubereiten, die, wissenschaftlichen Anforderungen genügend, eine breitere Rezeption des Lyrikers Ernst Meister ermöglichen sollte. Den ersten Teil dieser Arbeit haben maßgeblich Stefan Ormanns und Thomas Schneider geleistet.

In Abstimmung mit Reinhard Meister, dem Inhaber der Urheberrechte, und dem Verleger Thedel von Wallmoden, Wallstein Verlag, Göttingen, wurde ein Konzept erarbeitet, das über den Typus einer klassischen Studienausgabe hinausgeht; die Ausgabe enthält einen kritisch revidierten Text, einen textkritischen Apparat und einen ausführlichen Kommentar nebst Register. Sie bietet darüber hinaus eine lückenlose Dokumentation der Textentstehung in Form vollständiger digitaler Zeugenverzeichnisse.

Der digitale Teil der Ausgabe bietet die Textzeugen (Handschriften, Typoskripte, Durchschläge) in Kombination und Verlinkung mit den Zeugenverzeichnissen. Dadurch wird die Ausgabe den Ansprüchen einer historisch-kritischen Edition angenähert und stellt ein Editionsmodell dar, das die Vorzüge einer handlichen Studienausgabe mit dem wissenschaftlichen Anspruch einer textgenetischen Edition zu verbinden sucht. Die oft als schwer lesbar empfundene Darstellung der Textgenese in Apparaten konnte sich dadurch beschränken. In Apparaten zu den einzelnen Gedichten dargestellt werden nur ausgewählte Zustände (›Fassungen‹) der Genese, soweit diese signifikant von der Druckversion abweichen und in gewissem Sinne kommentierende Funktion haben. Das editorische Prinzip ›Auswahl auf der Basis vollständiger Materialkenntnis der Herausgeber‹ war im Falle Ernst Meisters notwendig vor allem aufgrund des Umfangs des überlieferten genetischen Materials. Ernst Meister hat zu einigen seiner Lyrik-Bände so viele Stadien oder Textzustände hinterlassen, daß z.B. eine vollständige historisch-kritische Edition nur des Bandes ›Sage vom Ganzen den Satz‹ – ohne Kommentar – einen Umfang von mehr als 600 Seiten ergäbe.

In ihrem Kommentarteil bietet die Ausgabe zu den einzelnen Gedichtbänden übersichtliche Einführungen mit Darstellungen zur Entstehungs- und Publikationsgeschichte, aber auch Hinweise auf konzeptionelle und poetologische Zusammenhänge. Der lemmatisierte Stellenkommentar löst vor allem inter- und intratextuelle sowie biographische Bezüge auf und gibt, ohne Anspruch auf Vollständigkeit, Hinweise auf weiterführende Forschungsliteratur.

Die Realisation des Konzepts erforderte die Etablierung einer Gruppe von Forschern. In den Jahren 2001/02 wurde ein internationales Team gebildet, dessen Mitglieder mit der Bearbeitung der Bände betraut wurden. Regelmäßige Treffen, meist zweimal jährlich, in Aachen, Metz, Utrecht und Den Haag ermöglichten nicht nur den notwendigen Gedankenaustausch, sondern auch eine intensive Arbeit an bestimmten Problemen. Die Koordination erfolgte von der Aachener Arbeitsstelle aus.

Die Bandbearbeiter profitierten von der Einrichtung einer Homepage, deren nichtöffentlicher Teil sukzessive um die Module und Datenbanken erweitert wurde, die unmittelbar aus der Erschließung des Nachlasses resultierten: Digitalisate der Textzeugen des lyrischen Nachlasses in hoher Auflösung, Findbuch zum gesamten Nachlaß, vollständiger Text des lyrischen Werks, Gesamtverzeichnis der Bibliothek Meisters, Regesten sämtlicher Briefe, chronikalisch geordnete Bausteine zu einer Biographie, ausgewählte Fotografien aus dem Nachlaß.

Jeweils mehrere Arbeitstreffen, finanziert von den gastgebenden Institutionen, galten der Entzifferung, der Textgenese und ihrer Darstellung und Fragen der Kommentierung. In den Apparat- und Kommentarteilen werden die jeweiligen Bandbearbeiter namentlich ausgewiesen: Axel Gellhaus (Aachen), Jan Gielkens (Den Haag), Ingrid Grüninger (Stuttgart), Karin Herrmann (Aachen), Stephanie Jordans (Aachen), Ewout van der Knaap (Utrecht), Françoise Lartillot (Metz), Beate Laudenberg (Karlsruhe), Andreas Lohr (Berlin/Bonn), Ton Naaijkens (Utrecht), Eckart Oehlenschläger (Bonn), Stephanie Over (Aachen), Dierk Rodewald (Berlin), Thomas Schneider (Bonn/Opava), Mareike Schröder (Aachen). Dieter Breuer (Aachen) hat die Edition der Nachlaßgedichte vorbereitet. Die von den Bandbearbeitern vorgelegten Apparate und Kommentare wurden vom Redaktionsteam in der Aachener Arbeitsstelle redigiert und formal angeglichen: Axel Gellhaus, Stephanie Jordans, Andreas Lohr, Dominik Loogen, Eckart Oehlenschläger, Dierk Rodewald und Mareike Schröder.

Parallel zur Edition entstanden nicht nur zwei Monographien zum lyrischen Werk Meisters, sondern auch zwei Publikationen, die aus der Arbeit am Nachlaß hervorgegangen sind und als Ergänzung zum Kommentar der Ausgabe angesehen werden können: ein Materialienband, der übergeordnete Aspekte des Werks beleuchtet, und eine Chronik, die wichtige Dokumente und Bilder zu Leben und Werk präsentiert.

Die Kommentierung der Gedichte Meisters beruht auf dem Textverständnis, das jeder der Bearbeiter durch eigenes intensives Studium der Materialien, der Textgenese, der Inter- und Kontexte zu erwerben hatte. Die notwendig individuellen Anteile an diesem Verstehensprozeß konnten und sollten aus den Darstellungen zur Einfuhrung eines Gedichtbandes und aus den lemmatisierten Kommentaren nicht eliminiert, die unterschiedlichen Akzentuierungen in der Lektüre der Gedichte nicht nivelliert werden. Ohnehin versteht sich der Kommentar als Angebot an den Leser und nicht als Reglementierung der Rezeption. Meisters Gedichte sind (wie diejenigen Paul Celans) von zeitgenössischen Kritikern als ›hermetisch‹ bezeichnet worden. Die Kommentare können an zahlreichen Stellen zeigen, wie berechtigt die Zurückweisung dieses Etiketts durch den Autor gewesen ist. Auf der anderen Seite weist der Kommentar auch an solchen Stellen Lücken auf, wo sich selbst der mit Meister vertraute Leser eine Verständnishilfe gewünscht hätte; es bleiben also durchaus für die künftige Forschung noch Fragen offen. Die unterschiedliche Dichte der Erläuterungen läßt, den bisherigen Stand der Forschung spiegelnd, Desiderate umso deutlicher hervortreten. An einigen (wenigen) Stellen sind solche Lücken diskrete Aussparungen von biographischen Zusammenhängen, deren Offenlegung Rechte noch lebender Personen verletzt haben würde. Korrespondenzen und persönliche Aufzeichnungen verraten zuweilen mehr, als in einem Kommentar zu publizieren legitim oder opportun ist. Erst mit dem Erlöschen der Rechte wird die restlose Öffnung aller Teile des Nachlasses letzte Einblicke ermöglichen. Eine dramatische Verschiebung im Verständnis der Gedichte ist jedoch durch die intimere Kenntnis biographischer Details nicht oder nur punktuell zu erwarten.

Im Vorfeld der Ausgabe entstandene Arbeiten:

Karin Herrmann: Poetologie des Erinnerns. Ernst Meisters lyrisches Spätwerk. Göttingen: Wallstein 2008.

Stephanie Jordans: Die ›Wahrheit der Bilder‹. Zeit, Raum und Metapher bei Ernst Meister. Würzburg: Königshausen & Neumann 2009.

Ernst Meister – Perspektiven auf Werk, Nachlaß und Textgenese. Ein Materialienbuch. Hrsg. von Karin Herrmann und Stephanie Jordans. Göttingen: Wallstein 2009.

Ernst Meister. Eine Chronik. Aus dem Nachlaß erarbeitet von Karin Herrmann und Stephanie Jordans unter Mitarbeit von Dominik Loogen. Göttingen: Wallstein 2011.